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Wer muss das Kreuz am Ende tragen – geht Naturschutz zu Lasten bäuerlicher Kleinbetriebe?

Wedemark (sg). „Das ist mein Opa. Er ist 91 Jahre alt und hat drei grüne Kreuze gebaut, meine Mutter hat sie gestrichen. Ich habe sie heute in Negenborn aufgestellt. Wieso tun wir das?“ So beginnt der Facebook Beitrag der Landwirtin Christine Heins aus Negenborn, den sie am 24. September online gestellt hat und der inzwischen fast 15.000 mal geteilt wurde. In ihrem Beitrag versucht Heins die Beweggründe zu erläutern, aus denen sie sich an der bundesweiten Aktion der Grünen Kreuze beteiligt – einer Aktion, die als Protest gegen das Anfang September verabschiedete Agrarpaket der Bundesregierung und als Gesprächsangebot an die Bürger gelten soll. In mehr als 1.700 Kommentaren allein zum Beitrag von Heins lässt sich nachlesen, wie geteilt die Meinungen der Menschen zu dieser Aktion der deutschen Landwirte sind. Viele Facebook Nutzer äußern ihr Verständnis, es gibt aber auch kritische Stimmen, Schuldzuweisungen, Erklärungsversuche und Beschimpfungen. Initiiert wurde die Aktion „Grüne Kreuze“ von Willi Kremer-Schillings aus Rommerskichen, der sich als „Bauer Willi“ auf seiner Internetseite direkt an die Verbraucher wendet, um zu erklären, was die Maßnahmen des Agrarpakets für Auswirkungen auf kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe haben können – und damit auch auf die Verbraucher. Eine Minderungsstrategie für Glyphosat. Einschränkungen beim Einsatz von Herbiziden und Insektiziden in Schutzgebieten. Einstufungen von artenreichem Grünland, Streuobstwiesen und Trockenmauern als Biotop. Einführung des freiwilligen Tierwohlkennzeichens. Dies sind einige der Punkte zum Natur-, Gewässer- und Tierschutz, auf die die Bundesregierung sich geeinigt hat. Was Umweltschützern und kritischen Verbrauchern angesichts von Artensterben, Massentierhaltung und Nitratbelastung des Trinkwassers meist nicht weit genug geht, lässt viele kleine landwirtschaftliche Unternehmen – häufig Familienbetriebe mit nur wenigen Angestellten – um ihr Auskommen und betriebliches Überleben fürchten, da sie sich durch die beschlossenen Maßnahmen wie zum Beispiel dem erhöhtem Verwaltungsaufwand, Flächenstilllegungen und Mindererträgen konfrontiert sehen. Die Ausgleichszahlungen der EU helfen den kleinen Betrieben bei der Kompensation der Mehrkosten nur wenig, denn 75 Prozent der Zahlungen werden nach Fläche verteilt. Eine Empfehlung aus dem Agrar-Atlas 2019, einem Bestandteil des Weltagrarberichtes, lautet: „Damit die gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU gesellschaftlich akzeptiert wird, muss sie Umwelt und Klima schützen, die Artenvielfalt erhalten, das Tierwohl verbessern und kleine und mittlere Betriebe fördern.“ Laut dem Agrar-Atlas haben in der EU zwischen 2003 und 2013 ein Drittel aller Bauernhöfe aufgegeben. Heute bewirtschaften lediglich 3,1 Prozent aller Betriebe mehr als 50 Prozent des verfügbaren Agrarlandes. Auch in Deutschland geben jedes Jahr viele Betriebe auf, Großbetriebe dagegen wachsen am schnellsten. Von 2010 bis 2018 gingen in Deutschland mehr als 35.000 Bauernhöfe durch Schließung verloren, davon 4.720 in Niedersachsen. Landwirtschaftliche Flächen werden außerdem mehr und mehr zum Spekulationsobjekt für finanzstarke Investoren. Im Facebook Beitrag von Christine Heins heißt es: Wie verlogen klingen da die Äußerungen wie „Wir wollen kleine landwirtschaftliche Betriebe erhalten“?

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