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Nach über zwei Jahren Arbeit gingen jetzt die Ortsbögen auf die Reise

Wennebostel (jo). Sorgfältig haben Heike und Wolfgang Lorentz aus Wennebostel jeden einzelnen Schwibbogen verpackt, so dass unterwegs nichts passieren kann. Mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge haben beide die Arbeit von mehr als zwei Jahren am vergangenen Mittwoch auf die Reise mitten in das Erzgebirge geschickt. Heike und Wolfgang Lorentz haben nicht nur in der Wedemark bereits mehrfach in Ausstellungen ihre kunsthandwerklich hochwertig gefertigten Schwibbögen einem breiten Publikum präsentiert, sondern haben in ihrer „zweiten Heimat” im Erzgebirge schon fast einen Promi-Status erreicht. Denn dort kennt man das Paar unter dem Namen „die Schwibbogenbauer aus dem Norden”, die sich für die alte Volkskunst interessieren und auch einsetzen. Und jetzt zeigen sie zum ersten Mal, was im Laufe der letzten zwei Jahre aus ihrer Idee geworden ist: Sie haben bei ihren regelmäßigen Besuchen in Sachsen zunächst immer wieder die einzelnen Bögen bestaunt, die in fast jedem Ort im Erzgebirge an einer zentralen Stelle zu finden sind. Nicht nur die Vielfalt der verschiedenen Motive hat sie fasziniert, sondern auch die jeweilige Geschichte, die hinter den Bögen steckt. Schließlich hatten sie die Idee, alle Bögen so originalgetreu wie möglich nachzubauen und zu einer Sammlung zusammenzuführen. Auf diese Weise sind mittlerweile über 50 Bögen fertig geworden, die vom 30. November bis zum 1. März 2020 im Erzgebirge unter dem Titel „Schwibbögen am Ortseingang – wandern und wachsen” gezeigt werden. Und das nicht irgendwo, sondern im historischen Pferdegöpel in Johanngeorgenstadt – der Stadt des Schwibbogens, von wo aus der erste Bogen aus dem Jahr 1740 den Siegeszug durch das Erzgebirge angetreten hat. Und natürlich gehört auch dieser „Ur”-Bogen zu den Ausstellungsstücken, die nun vom Vorsitzenden des Fördervereins Pferdegöpel, Harald Teller, in Wennebostel abgeholt wurden. Harald Teller ist direkter Nachfahre des ersten nachgewiesenen Schwibbogenbauers des Erzgebirges, Schmiedemeister Teller. Und er kennt dessen Geschichten und Geschichte wie kaum ein anderer. „Mit dieser Ausstellung wird so etwas wie eine Rundreise durch das Erzgebirge möglich, denn alle Bögen aus der Region sind zum ersten Mal an einer Stelle zu bewundern”, erzählte er bei seinem Besuch in der Wedemark. Und er konnte natürlich auch die Frage beantworten, woher der Begriff Schwibbogen überhaupt kommt: „Damit ist eigentlich ein frei schwebender Bogen, also ein Schwebebogen gemeint”, erklärte er. Über die Jahre und auch die Mundart ist daraus schließlich der „Schwibbogen“ geworden. Wie genau die Idee zum ersten Bogen entstanden ist, darüber gebe es mehrere Vermutungen. Sicher aber ist, dass es Bergleute waren, die erste Bögen aus den eisenhaltigen Erzen der vielen Gruben im Erzgebirge geschmiedet haben. Am Ende jedenfalls verbreiteten sie sich schnell und heute sind weltweit vor allem die sogenannten Drei-D-Bögen mit ihrer Motivvielfalt in der ganzen Welt beliebt und leuchten besonders in der Weihnachtzeit in unzähligen Fenstern. Für Heike und Wolfgang Lorentz, die inzwischen viele freundschaftliche Kontakte zu Schnitzern und den Menschen im Erzgebirge haben, ist die Einladung nach Johanngeorgenstadt von Bürgermeister Holger Hascheck so etwas wie ein „Ritterschlag”. Er ist es gewesen, der darauf bestand, dass die Wanderausstellung ihren Anfang in der „Stadt des Schwibbogens” nehmen wird. Von dort aus wird sie weiter wandern zu anderen Ausstellungsorten im gesamten Erzgebirge – und weiter wachsen: „Wir haben inzwischen schon neue Bögen fertig, die dann nach und nach die Ausstellung ergänzen werden”, sagte Wolfgang Lorentz. Die Frage, wieviel Zeit er in die umfangreiche Arbeit gesteckt hat, beantwortete er nach kurzer Überlegung: „Sicherlich pro Bogen mindestens 25 Stunden”. Die Zeiten, die für die Katalogisierung drauf gegangen sind, weiß er nicht. Genauso wenig, wie lange es gedauert hat, bis seine Frau Heike von jedem einzelnen Bogen eine maßstabgetreue Skizze angefertigt und diese Skizzen mit einer Blaupause auf den Sperrholzrohling übertragen ha,t um ihn am Ende originalgetreu zu bemalen: „Es ist eben unsere Liebe und Leidenschaft zum Erzgebirge mit seiner unvergleichlichen Volkskunst, die uns zu dieser Arbeit immer wieder neu motiviert”. Bis sie ihre Bögen nach dem Abtransport nach Johanngeorgenstadt wiedersehen, wird es nicht lange dauern. Natürlich sind beide bei der Vernissage am Vorabend der Ausstellungseröffnung Ehrengäste im Pferdegöpel. Dieser besondere Ort wird dann auch durch eine besondere Beleuchtungstechnik der Bögen die Ausstellungsbesucher erwarten. Harald Teller versprach schon einmal im Voraus: „Das wird ein unglaublicher Anblick sein, wenn alles fertig aufgebaut ist und die einzelnen Bögen durch indirekte Beleuchtung zur Geltung kommen werden”. Möglich wurde die Zusammenarbeit des Fördervereins Pferdegöpel, der Stadt Johanngeorgenstadt und der Familie Lorentz auch durch die Unterstützung der Europäischen Union im Rahmen eines Kleinprojektes, durch das ein Teil der Kosten für eine ansprechende Präsentation sowie für den Druck der Einladungen und Flyer in deutscher und tschechischer Sprache übernommen wurde. Wie Bürgermeister Hascheck mitteilte, sei eine solche Förderung möglich, da Johanngeorgenstadt eine direkte Grenzkommune zu Tschechien sei und das Erzgebirge eben auch einen böhmischen Teil habe. Spätestens 2023 ist geplant, die Ausstellung auch in der tschechischen Nachbarkommune Nejdek zu zeigen.

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