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Kinder mit Bein- oder Armamputationen erlebten Sommercamp

Wedemark (jo). Clara war sich ganz und gar sicher: „das ist hier si-sa-super!” Die Siebenjährige war eine der jüngsten Teilnehmerinnen des Sommercamps des Bundesverbands für Menschen mit Arm- oder Beinamputationen, kurz BMAB. Eine gute Woche waren Kinder und Jugendliche vom Verband eingeladen, Ferien vom Alltag zu machen. Und auch Ferien von ihrer körperlichen Beeinträchtigung. Seit fünf Jahren ist der Verband Gastgeber für etwa 50 Mädchen und Jungen bis 18 Jahren, die aus ganz Deutschland zusammen kommen und eine erlebnisreiche Zeit miteinander verbringen. Untergebracht waren sie im Jugend-, Gäste- und Seminarhaus der Region Hannover in Gailhof, von dort aus starteten die unterschiedlichen Aktionen. „Wir wollen den Kindern die Möglichkeit bieten, sich selbst mehr zuzutrauen, trotz Prothese oder anderer Einschränkungen”, sagte Detlef Sonnenberg, der selbst eine Beinprothese trägt. Er ist Vorsitzender des Verbandes und in Brelingen zu Hause: „Die Kinder werden von den Eltern oft besonders behütet. Deshalb ist es für sie gut, wenn sie auch mal andere Erfahrungen machen können”. Und das hatten die Unternehmungen während des Sommercamps mit Sicherheit zu bieten, denn angefangen bei der Kanutour auf der Leine, einem Klettertag im PirateRock-Hochseilgarten, Stand Up Paddeling, Handicap-Tauchen und einem Sporttag, gab es reichlich Möglichkeiten, zu testen, was trotz Amputation alles gehen kann. Nicht nur das Betreuerteam stand im Fall der Fälle mit Rat und Tat den Kindern zur Seite, auch prominente Gäste waren gekommen um Mut zu machen. Mit war dabei Heinrich Popow, mehrfacher Paralympicssieger sowie mehrfacher Welt- und Europameister im 100  Meter Sprint und im Weitsprung. Im Alter von neun Jahren musste ihm der linke Unterschenkel amputiert werden: „Ich kann mich gar nicht mehr an die OP und das ganze Drumherum erinnern”, erzählte er: „aber was für ein Gefühl es war, als mich danach in der ersten Sportstunde keiner mehr in seiner Mannschaft haben wollte, das weiß ich noch ganz genau”. Und er weiß, dass es auch den Kindern heute oft so geht: „Nur weil plötzlich ein Bein oder ein Arm fehlen, darum hört ja nicht der Bewegungsdrang auf”. Er sei zum Camp gekommen, nicht nur um Mut zu machen, sondern auch um zu zeigen, was trotz der Beeinträchtigung alles möglich ist. Und so wurden die Angebote der eingeladenen Fachfirmen für Orthopädietechnik ausgiebig genutzt. Denn es gibt inzwischen Prothesen für ganz unterschiedliche Ansprüche: „Es gibt extra Prothesen zum Klettern oder zum Laufen”; berichtete Lars aus Nürnberg. Der 17-jährige hat eine Unterschenkelamputation hinter sich und fand den Tag im Hochseilgarten einfach nur klasse. Im vergangenen Jahr habe ihn seine Mutter für dieses Camp angemeldet und er hätte darauf eigentlich gar keinen Bock gehabt: „Ich fand es einfach nur blöd. Und jetzt bin ich schon zum zweiten Mal hier”, sagte er. Im nächsten Jahr ist er 18 Jahre alt und damit nicht mehr dabei: „Aber ich werde trotzdem wieder kommen, aber dann als Betreuer im Team. Er habe hier so viele Freunde gefunden und dabei habe seine Prothese und seine damit verbundene Erkrankung keine Rolle gespielt. Das bestätigte auch die 17-jährige Britt, die aus Gronau angereist war: „Wir haben hier alle eine offensichtliche Gemeinsamkeit, die aber nur eine Nebenrolle spielt. Anders als zu Hause im Alltag werden wir in der Gruppe und von den Betreuern nicht auf unsere Behinderung reduziert sondern ganz anders als Mensch wahrgenommen”. Das findet auch der 14-jährige Junge, dem beide Unterschenkel fehlen und der im Rollstuhl alles mitmacht, was irgendwie geht: „Es wäre toll, wenn die Leute uns einfach mal normal behandeln würden und uns nicht als Marsmenschen ansehen, wenn wir zu Hause unterwegs sind”. Er hatte genau wie seine Freunde den Tipp parat, dass er es besser fände, wenn man auf ihn zugehen würde und vielleicht einfach mal fragt, warum er im Rollstuhl sitzt, anstatt einfach nur hinterherzuschauen. Für Detlef Sonnenberg und sein Team sind solche Erfahrungen die Bestätigung, dass ihre jährliche Aktion nicht nur gut ankommt, sondern auch fortgesetzt werden soll. Unterschiedliche Organisationen geben dazu Unterstützung, jedoch sei die Finanzierung für die kommenden Jahre nicht gesichert: „Wir werden nicht mehr alle Fördergelder bekommen und das bedeutet für uns, dass wir ‘Klinkenputzen’ müssen, damit wir auch in 2020 wieder das Sommercamp anbieten können”. Und wenn es klappt, dann dürfen die Kinder erneut die besondere Erfahrung machen, dass Sport und Bewegung weiter zu ihrem Alltag gehören. Denn sie durften sich auch auf Probetrainings mit Cesar Velentim vom Wien Teakwondo aus Österreich freuen, der Erfahrungen im Behindertensport gleich mit in die Wedemark gebracht hatte. Dass es sich für die Kinder und Jugendlichen lohnt, dass wissen Sonnenberg und seine Mitstreiter von den zahlreichen Rückmeldungen der Eltern. Sie würden erzählen, dass ihre Kinder nach der Ferienwoche regelrecht aufgetaut seien und wieder lachen konnten. „Damit haben wir unser Ziel erreicht, denn wir wollen, dass die Jungen und Mädchen wieder Lebensmut bekommen und die Freude am Leben zurück kriegen”. Am letzten Tag ihres Aufenthalts konnten die Camp Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch ihren Eltern und Angehörigen beweisen, was sie alles innerhalb der Woche erlebt, gelernt und sich getraut hatten. Bei einem Geländetag am Jugendheim wurde der Abschluss gebührend gefeiert und auch hier gehörten Aktivitäten wie Reiten, Kistenklettern, Bogen- und Blasrohrschießen Taekwondo, Bubble Soccer und vieles mehr zum Programm. Eben so, wie es auch alle anderen Kinder und Jugendlichen einfach nur toll finden. Wer sich für die Arbeit des BMAB interessiert, kann mehr Informationen im Internet unter der Adresse www.bmab.de finden oder direkt Kontakt aufnehmen unter der Emailadresse ks@bmab.de.

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