Thema der Woche

Bei den Bienenvölkern haben die Frauen das Sagen

Wedemark (jo). „Die Männer haben nichts zu sagen”, war die für das sogenannte „starke Geschlecht” nicht unbedingt erfreuliche Erkenntnis, die Imker Christoph Schmieta längst verinnerlicht und auch ein kleines bisschen verdaut hat. „Bei den Bienen bestimmen ausschließlich die Königinnen das Leben im Stock”, fügte er hinzu. Er ist Vorsitzender des Imkervereins Wedemark, der im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag feiern konnte: „Imker gibt es natürlich schon viel länger, schon 1864 gründeten zehn Imkerverein den Bienenwirtschaftlichen Centralverein für das Königreich Hannover. Wir haben uns erst nach der Kommunalreform zusammengefunden. Früher hätte zu jedem Hof eine Imkerei gehört, das habe sich wie so vieles andere in der Landwirtschaft sehr verändert. Aufmerksamer Zuhörer war Bürgermeister Helge Zychlinski, der dem Imkerverein im Rahmen seiner Sommertour einen Besuch abstattete. Und die Vertreter des Vereins hatten jede Menge interessante Infos über die Bienen zu berichten: „Die Bienen sind mittlerweile für die Öffentlichkeit ein interessantes Thema geworden”, erläuterte Schmieta: „In ihrem Bestand bedroht ist die Wildbiene, die sich aber sehr von der Honigbiene unterscheidet”. Wildbienen seien oft auf eine ganz spezielle Pflanzenart fixiert – wenn diese Gattung fehlt, fehtl ihr die Lebensgrundlage. Anders sei das bei Wildbienen, sie seien echte Alleskönner und würden das jeweilige Futterangebot an die Saison angepasst annehmen: „Der Bestand der Honigbienen hätte aber ebenso Probleme zu überleben, würden sie nicht vom Menschen, also den Imkern entsprechend betreut und versorgt”. Dazu gehöre es auch, die Bienen gut über den Winter zu bekommen. Das Bewusstsein über die Bedeutung der Bienen und auch anderer Insekten für den natürlichen Kreislauf habe allerdings deutlich zugenommen: „Wir haben inzwischen auch zahlreiche junge Leute, die sich für die Imkerei interessieren, das war nicht immer so”. Gleichzeitig warnte er vor falsch gemeintem Aktionismus, wenn es um die Haltung von Bienen geht: „Es gibt Leute, die meinen, dass es reicht, sich einfach ein paar Bienenvölker in den Garten zu stellen, um etwas für die Umwelt zu tun. Das funktioniert aber nicht, solch ein Bienenbestand hat kaum eine Chance, mehr als eine Saison zu überleben.” Und schließlich ging es weiter ins Detail: Bienen haben Charakter! Es gibt Bienenvölker, in der Fachsprache „Bien“ genannt, die sind von Natur aus friedlich, lassen sich ohne murren in die Waben schauen und werden noch nicht einmal aggressiv, wenn man mit dem Finger schon einmal den Honig probiert. „Man kann diese Eigenschaften herauszüchten”, wusste Schmieta zu berichten: „Es gibt aber auch Bienenvölker, die sind nicht so freundlich und greifen dann auch durchaus an, wenn sie gestört werden”. Egal wie sich die Tiere mit einem bemerkenstwerten Sozialstaat den Menschen gegenüber verhalten, über allem steht auf jeden Fall immer die Königin. Sie herrscht über die Arbeitsbienen und die Drohnen und ist uneingeschränkt das Oberhaupt im Stock. Stirbt sie, wird eine neue Königin vom Bien gezogen: Arbeitsbienen wählen eine besonders vielversprechende Brut aus, die dann von ihnen besonders gefüttert und gepflegt wird bis sie schlüpft. Nach wenigen Tage ist sie geschlechtsreif und schwärmt aus: „Gerne auch weiter entfernt, so ist gewährleistet, dass nicht nur Drohnen aus dem eigenen Volk für die Vermehrung sorgen”. Kehrt die Königin zurück zu ihrem Bien, dann verlässt sie ihn nie wieder, sondern sorgt dafür, dass die Waben mit ihren Eiern für den Fortbestand sorgen. Natürliche Feinde hat die Biene kaum noch, die Bären als bekannte Honigfreunde sind längst nicht mehr in der europäischen Natur zu finden. Und dennoch, übriggeblieben ist die Angst der Honigbienen vor den Bären als Räuber ihrer Arbeit immer noch: „Wenn Bienen angreifen, dass gehen sie sofort auf die Augen und den Mund, die dunklen Stellen im Gesicht des Menschen”, berichtete Wedemarks Umweltschutzbeauftragter René Rakebrandt, der selbst aktiver Imker ist: „Das hat mit der schwarzen Nase des Bären zu tun und ist ein alter Instinkt”. Und auch über einen aktuellen Feind der Bienen erfuhr der Bürgermeister etwas, die Varroa-Milbe. Sie ist mittlerweile so verbreitet, dass es kein Bienenvolk in Niedersachsen mehr ohne Befall gibt: „Deshalb ist es wichtig, dass zum jeweils richtigen Zeitpunkt dagegen gesteuert wird”. Erfreulich für den Verein ist die Entwicklung der Mitgliederzahlen, denn waren es vor fünf Jahren nocht 623 Völker in der Wedemark und 84 Mitglieder, sind es heute 795 Völker, die von 105 Mitgliedern betreut werden. Für die Vereinsmitglieder hat nicht nur der gegenseitige Austausch von Erfahrungen einen großen Vorteil, auch Geräte wie Honigschleuder, Entdeckelungsgeschirr oder Dampfwachsschmelzer können gemeinsam genutzt werden. Allen gemeinsam liegt die Nachwuchsförderung am Herzen, die bei einer Jungimkerbetreuung erste Schritte im Umgang mit den Bienen gleich von Anfang an fachgerecht erlernen können. Und dazu gehört natürlich auch die. „Ernte” der Arbeit der Bienen, wenn der Honig in den Waben mit der Honigschleuder herausgenommen wird. Und das dessen Qualität als reines Naturprodukt eine andere ist als Ware aus dem Supermarkt, versteht sich von selbst. Das hat auch den Bürgermeister überzeugt und es kam eine Kooperation zwischen der Gemeinde Wedemark und dem Imkerverein Wedemark zu stande:   Der Imkerverein Wedemark wird in Zukunft exklusiv für die Gemeinde, zum üblichen Kaufpreis, einen „Gemeinde Wedemark“ – Honig abfüllen. Dieser wird dann bei repräsentativen Terminen an Gäste und zu Ehrende verschenkt, um zugleich für Gemeinde und Imkerverein ein Aushängeschild darzustellen. Gleichzeitig möchte die Gemeindeverwaltung damit den Einsatz der Imker für Natur, Umwelt und Landwirtschaft würdigen und ihre wichtige Arbeit wertschätzen.  Der Imkerverein hatte vor dem Termin zahlreiche Fragen seiner Mitglieder gesammelt, die Zychlinski und René Rakebrandt ausführlich beantworteten. Die Fragen reichten von rechtlichen Rahmenbedingungen („Unter welchen Umständen dürfen Imker zur Ausübung Ihres Handwerkes landwirtschaftliche Wege befahren?“, dies ist beispielsweise in der Straßenverkehrsordnung geregelt), über den Austausch zu bestehenden und zukünftigen Blühflächen und der Information zur Beantragung von EU-Fördermitteln. Am Ende eines ausgesprochen interessanten Nachmittags zeigte sich Zychlinski beeindruckt von der Vielfältigkeit und der Arbeitsintensität des Imkerhandwerkes.

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